aus: Der Tagesspiegel vom 16. 11. 98

Gehörlose Internetnutzer sind noch Exoten

Spezielle Zugangshindernisse halten die meisten Betroffenen vom Netz ab / Untersuchung der FU

VON STEFAN KLOTZ

Kommunikation nur per Schrift und ohne gesprochenes Wort - auf den ersten Blick erscheint das Internet als ideales Medium für Gehörlose. In der Realität ist dies für die meisten Betroffenen jedoch nicht der Fall. Das ist das Ergebnis einer wissenschaftlichen Untersuchung am Studiengang Joumalisten-Weiterbildung der FU Berlin. In der zweigeteilten Untersuchung beantworteten deutschlandweit 80 extrem hörgeschädigte Internetnutzer einen Online-Fragebogen im Netz. Zusätzlich wurden 74 Gehörlose und stark schwerhörige Bürger aus Berlin und Brandenburg offline befragt.

Erstes Untersuchungsergebnis: Während die vorhandenen gehörlosen Internetnutzer noch als Exoten in ihrer Bevölkerungsgruppe gelten, haben die anderen handfeste Zugangsprobleme. Die Sprachbarriere stellt das größte Hindernis dar. Das unterscheidet die bundesweit rund 80.000 Gehörlosen beispielsweise von den rund zehnmal so vielen Schwerhörigen. Insbesondere die von Geburt an Gehörlosen haben große Probleme mit der Laut- und Schriftsprache, die für sie neben ihrer Gebärdensprache als Muttersprache fast eine Fremdsprache darstellt. "Sehen statt Hören", Videotext, die wenigen Fernseh-Untertitel sowie die Boulevardzeitungen sind oft die einzigen Informationsquellen aus der Welt der Hörenden.

Ein weiteres Zugangshindernis sind fehlende gehörlosengerechte Internet-Einführungskurse, so ein Ergebnis der Befragung. Diejenigen Gehörlosen, die schon das Internet oder Onlinedienste nutzen, haben sich dagegen den Umgang mit diesen Medien in der übergroßen Mehrzahl selbst angeeignet.

Viele der Befragten könnten sich vorstellen, das Internet zu nutzen, wenn es viele andere Gehörlose auch tun würden. Derzeit sind für die Gehörlosen das Faxgerät und das Schreibtelefon die Kommunikationsmittel schlechthin. jeder Befragte hat mindestens eines von beiden, 65 von 74 sogar beides. Ein Bildtelefon auf ISDN-Basis hatte dagegen zum Zeitpunkt der Befragung im Frühjahr noch kein Untersuchungsteilnehmer.

(Bilduntertitel - Bild kommt nach!)

DIE GEBÄRDENSPRACHE ist für Menschen, die seit Geburt gehörlos sind, die wichtigste Kommunikationsform. Die Schriftsprache - und damit auch das Internet - bereitet ihnen oftmals große Probleme, so eine Untersuchung der FU Berlin. Foto: dpa-Bildfunk

In der Bundesrepublik gibt es derzeit drei herausragende Homepages, die alle von Betroffenen gestaltet werden: www.gehoerlos.de wendet sich vor allem an Gehörlose, www.taubenschlag.de integriert auch Schwerhörige, während www.hoerbehinderten-info.de das ganze Spektrum der Hörgeschädigten anspricht. Alle drei bieten Informationen von medizinischen Hörgeschädigten-Themen bis hin zum Gehörlosensport. Dabei ist man auch um Aktualität bemüht: Als im März der deutsche Gehörlosen-Kinofilm "Jenseits der Stille" auf dem Sprung zum Oscar-Preisträger stand, gab es beim "Taubenschlag" ein Live-Special im Internet. Ein anderes Highlight war die Wahl einer gehörlosen Miß Internet.

Auf den Homepages wird auch Chat angeboten. Viele Gehörlose in der Offline-Befragung kannten jedoch diese Möglichkeit noch nicht. Die befragten Gehörlosen hoffen auf bessere Kontakte zu Hörenden via Internet. Nur vier von 74 Befragten glaubten nicht daran, während 34 eine solche Hoffnung äußerten. Allerdings waren sich 35 Befragte in dieser Frage unsicher.

Die Online-Befragung zeigte: je stärker die Nutzer von Gehörlosigkeit betroffen sind, desto lieber nutzen sie die speziellen Gehörlosenseiten. Die gehörlosen Onliner unterscheiden sich von anderen Gehörlosen meist durch eine höhere Schriftsprachkompetenz: Homepages von Universitäten und Bibliotheken und internationale Angebote werden häufig genutzt - für die meisten anderen Gehörlosen wohl undenkbar.

Internet und Gehörlose - zwei Dinge, die wenig zusammenpassen? Die qualitative Wende könnte die ADSL-Technologie bringen. Fast einhellig (69 von 74) sprachen sich die offline Befragten für ein Angebot mit Übertragung von Gebärdensprache aus. ADSL könnte dies ruckelfrei ermöglichen. Höhere

Übertragungsgeschwindigkeiten als Voraussetzung für Video wurden auch in der Online-Befragung häufig als Zukunftshoffnung genannt. Theoretisch könnten dann Gehörlosendolmetscher via Internet arbeiten. Das Netz bietet also sehr wohl Potential, zumal man angesichts von Entwicklungen wie Internet-Set-Top-Boxen auch nicht mehr unbedingt einen PC benötigt.